Ein Besuch im Restaurant Moment, Dänemark

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Dänemark. Wind, Auszeit, Entspannung.

Ralf und ich sind in den Osterferien wieder in unser aktuelles Lieblingsurlaubsland gefahren. Leider konnten wir wegen der eisigen Kälte nicht so oft rausgehen, aber der Urlaub war trotzdem toll. Ein ganz besonderes Highlight möchte ich euch heute vorstellen: das Restaurant Moment. Wir sind beide keine großen Restaurant-Besucher, weil wir so gern selbst kochen. Und in Dänemark gehen wir eigentlich noch seltener essen, denn wenn ich ehrlich bin, bin ich kein großer Freund der dänischen Küche. In den meisten Restaurants gibt es Fisch, der zugegebenermaßen sehr lecker und meist frisch gefangen ist. Fisch in allen Variationen. Frittiert, mit Pommes, mit Schwarzbrot und Butter und vor allem eingelegt.  Und da wir wundervoll frischen Fisch am Urlaubsort meistens direkt vom Boot oder in einem Fischladen im Hafen kaufen und im Ferienhaus selbst zubereiten, macht es für uns nicht viel Sinn, Essen zu gehen.

Als ich im Tripadvisor das Restaurant Moment entdeckte, wurde ich aber neugierig.  Die Location mit der tollen Einrichtung und dem großen Gewächshaus auf den Fotos haben mir so sehr gefallen, dass ich direkt einen Tisch reserviert habe. Was es mit dem Restaurant auf sich hat und warum aus einem Restaurantbesuch ein großartiges Erlebnis wurde, möchte ich euch jetzt zeigen und erzählen.

Über das Restaurant

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Das vegetarische Restaurant liegt im Nationalpark Mols Bjerge, einer wilden Landschaft in Djursland, Dänemark. Das Restaurant ist Teil der Gemeinschaft „Friland“, einer Gemeinschaft von Menschen, die hier ökologisch nachhaltig arbeiten und leben. Die Besitzer leben in Friland und haben das Restaurant vor zwei Jahren eröffnet. Und seitdem betreiben sie das Restaurant nach ihren Grundsätzen mit einem Konzept, das weltweit wohl einzigartig sein dürfte. Zum Restaurant gehören ein großer Garten und ein sehr großes Gewächshaus.  Die Lebensmittel, die im Restaurant verwendet werden, werden im Garten oder Gewächshaus, an den Stränden und in den umliegenden Wäldern gesammelt, gepflückt und geerntet. Manche Gemüse beziehen sie von lokalen Landwirten, wobei aber streng darauf geachtet wird, dass keine Pestizide etc. verwendet worden. Durch die Vielfalt von Insekten im Waldgarten des Restaurants müssen die Pflanzen kaum gedüngt werden.  Das Team aus jungen Köchen verwendet immer die ganze Pflanze, so dass es zu keiner Lebensmittelverschwendung kommt.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit bezieht sich natürlich auch auf die Anlage, die Baumaterialien und die Ausstattung des Restaurants. Die Teller, Schüsseln und Schalen zum Beispiel wurden extra für das Restaurant ohne Schadstoffe und Glasur getöpfert. Zerbricht ein Teller, landet er einfach auf dem Kompost.  Das Wasser wird selbst gefiltert.  Die Gäste trocknen sich die Hände im Bad nicht mit Einweghandtüchern ab, sondern benutzen wunderschöne, aus grobem Baumwollgarn gestrickte Handtücher, die nach Benutzung einfach im Wäschekorb landen.

Ambiente

Schon der äußere Eindruck des Restaurants ist beeindruckend und ungewöhnlich.  Das Holzgebäude mit den großen Fenstern und gegenüber das riesige Gewächshaus, die Außensitzplätze und die Kräuterschnecke.  Natürlich wächst im Gewächshaus Ende März noch nicht so viel, aber man kann erahnen, wie wunderbar der Außenbereich im Sommer aussehen wird.

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Die Einrichtung des Restaurants ist nicht nur schick und zeitgemäß, sondern auch sehr gemütlich. Ich muss dazu sagen, dass ich mich in "feinen" Restaurants sehr unwohl fühle. Weiße Tischdecken und steife Servietten finde ich eher beklemmend als behaglich. Bei Ralf ist das noch viel stärker ausgeprägt. Ihn könnte ich nur mit Mühe und im äußersten Notfall in ein "feines" Restaurant  schleppen. 

Hier haben die Besitzer alles richtig gemacht. Die schönen Holztische, das schlichte Besteck, die angenehme Beleuchtung, die gemütlichen Stühle (Design muss ja nicht unbedingt bequem sein), die Grünpflanzen, die riesigen Fenster, die schicke Empfangstheke, die durchaus ein Feature im Kinfolk-Magazin verdient hätte,  die eingeweckten Lebensmittel in den Regalen, der wunderschöne Beton-Bodenbelag und die kuscheligen Pelze an allen möglichen Orten. Im Restaurant Moment ist sogar das Bad mit dem großen Spiegel, der Laterne, dem Pelz und den schönen Handtüchern gemütlich gestaltet. Wir haben uns hier einfach unheimlich wohl gefühlt. Den Großteil der Einrichtung – inklusive des wunderbaren Geschirrs – hätte ich sofort klauen können.

Essen, Getränke und Service

Ralf und ich sind beide keine Vegetarier. Wir essen aber nicht täglich und meist auch nicht mehrmals in der Woche Fleisch. Wir kochen sehr gern vegetarisch und waren gespannt auf spannende Kombinationen und Zubereitungsarten. Wir waren aber in keiner Weise darauf vorbereitet, was uns hier Großartiges erwarten würde. Vorweg muss ich kurz das Food-Konzept erklären: die Speisekarte gibt es nur in dänischer Sprache, wurde uns aber total nett von Morten erklärt. Morten und Rikke sind das Besitzer-Ehepaar, und Morten hat uns den ganzen Nachmittag über beraten und begleitet. Noch nie habe ich einen freundlicheren, offeneren und aufmerksameren Service erlebt. Man merkt, dass sein Herzblut und seine Lebensphilosophie im Restaurant Moment stecken.

Aber zurück zur Speisekarte: Da das Konzept des Restaurants darauf beruht,  nur die Lebensmittel zu verarbeiten, die man gefunden, geerntet, lokal eingekauft, eingeweckt oder auf andere Weise haltbar gemacht hat, ändert sich das Menü natürlich ständig.  Deshalb werden die einzelnen Speisen auch nicht auf der Speisekarte aufgelistet. Das Menü ist für alle Gäste gleich. Man kann wählen, ob man weniger, mehr oder alle Gänge bestellen möchte.  Dazu kann man dann noch Käse oder Desserts ordern. Eigentlich finde ich es ganz schön, dass man vorher nicht weiß, was man bekommt. Das Menü war wirklich eine Überraschung für uns und ich weiß nicht, ob ich mir einige Gerichte bestellt hätte, wenn ich nur ihren Namen gelesen hätte. So lässt man sich einfach auf das Erlebnis ein und probiert viele neue Dinge.

Man kann wählen, ob man Wein oder nichtalkoholische Getränke haben möchte. Wir haben uns beide für die nichtalkoholische Variante entschieden, von der jeweils zwei Gläser zu unserem Menü gehörten.   Bei den Getränken handelt es sich um natürliche Säfte, die hier selbst fermentiert werden und die man mit oder ohne Kohlensäure bestellen kann.  Man kann die Getränke selbst auswählen oder sich auch hier überraschen lassen, was wir natürlich getan haben. Während der ganzen Zeit wurde darauf geachtet, dass unsere Wasserflasche immer mit selbst gefiltertem Wasser gefüllt war.

Im Folgenden möchte ich euch zeigen, was wir alles an diesem Nachmittag genießen durften. Ich werde das mit wenigen Worten und ganz viel Bildern tun, weil man einige der Köstlichkeiten einfach nicht beschreiben kann. Ich lade euch also ein, mit mir zu staunen.  Bei den Beschreibungen der Gerichte bin ich nicht ganz sicher, ob das alles so hundertprozentig stimmt. Uns wurde alles liebevoll erklärt, aber bei so vielen Eindrücken und so vielen Gängen bringt man auch schon einmal etwas durcheinander :-) Also los:

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Drink 1:

Fermentierte Zitrone

Als Morten uns den ersten Drink vorstellt, geht unser Abenteuer los. Das Getränk schmeckt herrlich frisch nach Zitrone, leicht säuerlich, leicht süß, ein bisschen nach Hefe und prickelt wunderbar auf der Zunge. Es ist sehr intensiv und passt vorzüglich zu den nächsten Gerichten.


1: Frittierter Seetang, Roggencracker, Staub von Erbsenschoten-Hüllen, Mais-Dipp mit gemahlenen Porcini-Pilzen

Unser erster Snack wird serviert, und wir sind etwas irritiert und begeistert. Die Komposition aus der schönen dunklen Keramik, dem Essen und dem wilden Seetang sieht einfach wunderschön aus. Man dippt die knusprigen Cracker in den Dipp.

Der Seetang (Meine Übersetzung von „Seaweed“ ist wohl etwas unglücklich. Ich denke, dass es sich um einen See-Wacholder gehandelt hat) sieht toll aus, und mutig wie wir beide sind, probieren wir ein Stückchen. Ich die Beeren, Ralf auch noch ein paar Nadeln. Nachher wird uns gesagt, dass das Seaweed wohl nur zur Dekoration dient, aber es schmeckt nicht schlecht :-)


2: Kohlstaub, gebeiztes wachtelei, Emulsion von Kresse, Steckrübe, Granulat vom Grünkohl

Der zweite Snack kommt mit einem Wachtelei, denn schließlich findet unser Essen am Ostermontag statt. So hübsch drapiert auf einem kleinen Löffelchen und wahnsinnig lecker. Ich habe keine Ahnung, worauf das Ei gebettet war. Aber es schmeckte säuerlich und sehr gut.


3: Petersilienwurzel, knuspriges Sauerteigbrot und Brokkoli-Sprossen

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Das nächste Häppchen ist auch ganz besonders köstlich. Die weich gekochte Petersilienwurzel mit dem sehr crunchigen Topping schmeckt wundervoll.


4: Rettich auf hausgemachtem geräuchertem Käse, Gel von Apfelessig, gesalzene Buttermilch und Petersilienöl, Hausgemachte Butter in  Asche gewälzt

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Ist diese Schale mit den essbaren Blüten nicht wunderschön? Die hauchdünnen Scheiben vom Rettich schmecken sehr gut, und es wird am Tisch noch ein Öl um das Gericht gegossen.  Dazu wird hausgemachtes Sauerteigbrot, ein köstliches Öl sowie eine hausgemachte Butter gereicht.  Ich glaube, dass ich mich mit Brot ganz gut auskenne. Ich habe schon sehr oft selbst Brot gebacken, und meine Mutter war eine Brot-Fetischistin. Noch dazu komme ich aus Deutschland, wo man ja bekanntlich das beste Brot backt, wenn man den Stereotypen glauben schenkt :-)

Aber ich schwöre, dass ich noch nie im Leben so gutes und vor allem saftiges Sauerteigbrot gegessen habe. Es war noch ein wenig warm und schmeckte mit der hausgemachten Butter und dem Öl einfach göttlich. Morten freut sich über unsere  Begeisterung für das Brot und bietet uns im Laufe des Nachmittags noch mehrmals Nachschub an, den wir auch gerne annehmen.


5: Rote Bete, Karamell von roter Bete, Rettich, senfsprossen, rohe Lakritze

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Was soll ich sagen? Tolle Farben, tolle Konsistenz, wunderbarer Geschmack.


6: Geräuchertes Ei, Master-Brühe, frittierte Nesseln aus dem Wald

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Ich hätte nicht gedacht, dass mir ein Ei in warmer Brühe kleine, begeisterte Quietscher entlocken könnte. Aber dieses kleine Schüsselchen voller Glückseligkeit ist wirklich der Hammer. Das geräucherte Ei schwimmt in einer Brühe, die liebevoll „Master broth“ genannt wird.  Die Brühe wurde vor zwei Jahren, als das Restaurant gegründet wurde, neu angesetzt. Zu jeder Brühe, die neu gekocht wird, wird immer etwas Master broth gegeben, so dass sich die Brühe wie ein Sauerteig immer weiter entwickelt und mit den Jahren noch besser wird. Die Nessel auf dem Ei wurde ein paar Tage zuvor im Wald gesammelt und ist frittiert ein toller, knuspriger Kontrast.


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Drink 2:

 Fermentierte Himbeeren und
See-Sanddorn

Nun ist es Zeit für das zweite Getränk, das Himbeeren und Sanddorn enthält. Mir schmeckt dieses Getränk noch besser als das erste, weil es nicht ganz so sauer ist und ich Himbeeren sehr liebe. Ich glaube, beim nächsten Besuch muss ich eine Flasche davon mitnehmen. Ich weiß gar nicht, ob sie die Getränke verkaufen. Wenn nicht, muss ich Morten oder Rikke trotzdem unbedingt eine Flasche abschwatzen ;-)


7: Gegrillter Lauch, Asche vom Lauch, Apfelwürfel, Schaum von Bärlauch

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Schon wieder ein Gericht, das mich optisch und geschmacklich total begeistert. Die kleinen Würfelchen vom Apfel passen unglaublich gut zu dem Lauch.


8: Sellerie auf eingelegten grünen Erdbeeren vom letzten Sommer, gemahlener Kaffee , Staub vom Kohl,
gebräunte Butter, gesalzene Pflaumen und Erdbeeren

 

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Dieser Teller gehört eindeutig zu meinen Favoriten. Wenn man das bei so vielen Superlativen überhaupt noch sagen kann. Wunderbar weiche und knusprige Selleriestückchen mit einer leckeren Hollandaise und dem starken Kontrast von frisch gemahlenem Kaffee. Dazwischen immer wieder kleine Obststückchen. Unglaublich.


9: Langsam gekochter Weißkohl, knusprige dehydrierte Molke und Brühe aus warmer Molke

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Ein kleines Plätzchen aus Kohl mit einem sehr knusprigen Topping. Am Tisch wird uns frisch eine schöne Brühe aus warmer Molke in die Schüssel gegossen. Dass Molke so lecker sein kann…

Die Sonne scheint uns ins Gesicht, und ich wünsche mir, dass dieser Tag nie aufhört.


10: Birne, Granitée von Rosenblüten und Öl von Kräutern aus dem Gewächshaus

 

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Wir sind wirklich angenehm satt, als das erste Dessert serviert wird. Die Birne ist weich und wahrscheinlich Sous Vide gegart. Dazu das eiskalte Granitée und das perfekt aromatisierte Öl.  Normalerweise kann ich den Geschmack von Rosen überhaupt nicht leiden. In diesem Gericht schmecken die Rosen und Kräuter aus dem Garten total natürlich und lecker.


11: Schokomousse, dehydrierte Joghurtstücke und -staub, eingelegte Pinienknospen, Ingwer, Gel

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Diese sehr schokoladige Mousse bildet den krönenden Abschluss unseres Menüs. Und schon wieder eine perfekte Komposition. Seit heute bin ich ein Fan von dehydriertem  Joghurt.


Resümee

Unser Besuch war in jeder Hinsicht eine Überraschung. Es war nicht nur ein Restaurantbesuch, sondern ein Erlebnis. Wir fühlten uns so wohl, dass wir gar nicht gemerkt haben, wie schnell die 3 Stunden, die unser Menü mit allen elf Gängen gedauert hat, vorbei waren. Es klingt ja schon richtig kitschig, aber wir waren wirklich für ein paar Stunden in einer ganz anderen Welt und haben uns mit großer Freude auf diese kulinarische Entdeckungsreise eingelassen.

Wenn wir noch einmal in dieser Gegend von Dänemark unterwegs sind, kommen wir natürlich wieder. Ich kann euch allen einen Besuch im Restaurant Moment wärmstens empfehlen.

 

Restaurant Moment
Ravnen 1 | Friland
Roende 8410
Dänemark